Wissenschaftlicher Hintergrund zu strategischer Entscheidungsfindung und kognitiven Verzerrungen
Die Herausforderungen strategischer Entscheidungen
Strategische Managemententscheidungen sind mit grossen Herausforderungen verbunden. Sie befassen sich mit der langfristigen Entwicklung des Unternehmens bzw. der Organisation, stellen eine wichtige und konkrete Verpflichtung zum Handeln dar, die den Kurs des Unternehmens bzw. der Organisation prägen, sind oft eine Reihe von Entscheidungen.
Strategische Managemententscheidungen sind unregelmässig, oft irreversibel, verbindlich und wechselseitig abhängig von anderen Entscheidungen – von gleichzeitig getroffenen Entscheidungen anderer wirtschaftlicher Akteure und von Entscheidungen über die Zeit hinweg.
Dabei werden Entscheider:innen sowohl von externen Faktoren wie der Komplexität der Umwelt, Unsicherheit, unvollständiger Information wie von internen Faktoren wie der eigenen kognitiven Fähigkeiten, der eigenen Wahrnehmung sowie der eigenen Entscheidungsmuster beeinflusst. In der Forschung spricht man hier auch von der sogenannten «Bounded Rationality».
Ein wesentlicher Faktor der strategische Managemententscheidungen (negativ) beeinflusst sind kognitive Verzerrungen. Kognitive Verzerrungen (“cognitive biases”) und deren Einfluss auf strategische Entscheidungen sind sowohl seitens der psychologischen wie auch der betriebswirtschaftlichen Forschung seit längerer Zeit erforscht und anerkannt. In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten wurden über die letzten Jahrzehnte mehr als 180 solcher Entscheidungsverzerrungen und deren Einfluss auf Entscheidungen beschrieben.

Beispiele aus der Praxis zeigen die verschiedenen Arten, wie sich kognitive Verzerrungen in Managemententscheidungen manifestieren können (alle Zitate stammen von C-1-Manager:innen aus Forbes-2000-Unternehmen).
„Nachdem einer meiner Kollegen erfahren hatte, dass der Durchschnittspreis für ein spezifisches Angebot bei einem bestimmten Betrag liegt, hielt er jeden niedrigeren Preis automatisch für ein besseres Angebot und suchte nicht weiter nach besseren Optionen. Die anfängliche Erwartung hatte seine Einschätzung bereits geprägt.“ (Ankerheuristik)
„Es gab einen Fall, in dem sich zwei frisch graduierte Bewerber gleichzeitig auf dieselbe Stelle bewarben. Beide waren gleich qualifiziert; der einzige Unterschied war das Geschlecht. Bei der Auswahl durch den Interviewer erhielt der männliche Kandidat ein etwas höheres Gehalt als die weibliche Kandidatin.“ (Stereotypisierung)
„Diesmal mussten wir sehr schnell entscheiden. Deshalb stützten wir uns nur auf die Informationen, die uns zu diesem Zeitpunkt vorlagen. Das führte zu einer falschen Entscheidung, weil wir nicht gründlich genug darüber nachgedacht hatten.“ (Verfügbarkeitsheuristik)
„Wir arbeiteten mit dem anderen Team an einer wichtigen Strategie, die umgesetzt werden sollte. Da beide Teams dazu unterschiedliche Auffassungen hatten, griffen wir schließlich auf den vertrauten Ansatz aus dem früheren Projekt zurück, um Missverständnisse zu vermeiden.“ (Problemlösungsraster / problem-solving set)
„Einmal arbeiteten wir an einem Projekt, in das wir bereits viel Zeit und Geld investiert hatten. Obwohl uns klar war, dass wir es vermutlich nicht erfolgreich abschließen konnten, wollten wir dennoch nicht aufgeben und zwangen uns weiterzumachen. Am Ende scheiterten wir damit deutlich.“ (Sunk-cost-Falle)
„Einer meiner Kollegen vertraut den Ratschlägen seines Teams nicht. Deshalb trifft er Entscheidungen lieber allein, ohne seine Kolleginnen und Kollegen einzubeziehen.“ (Illusorische Überlegenheit)
Diese Beispiele verdeutlichen, dass kognitive Verzerrungen Managemententscheidungen spürbar beeinflussen. Ein besseres Verständnis solcher Verzerrungen und ihrer Wirkung kann Strateg:innen dabei helfen, fundiertere und nachvollziehbarere Entscheidungen zu treffen.
Kognitive Verzerrungen
Kognitive Verzerrungen sind systematische und vorhersehbare Denkfehler die bei Entscheidungen zu Abweichungen von Rationalität führen. Die mehr als 190 bekannten kognitiven Verzerrungen können nach Oreg und Bayazit (2009) in drei Kategorien eingeteilt werden:
Simplification Biases
Diese Art kognitiver Verzerrungen entsteht aus dem Motiv, Komplexität zu reduzieren. Menschen vereinfachen Informationen, weil sie mit begrenzter Aufmerksamkeit, Zeit und kognitiver Kapazität arbeiten und daher mentale Abkürzungen nutzen.
Verification Bias
Verification Biases entstehen aus dem Motiv, bestehende Annahmen, Überzeugungen oder Erwartungen zu bestätigen. Menschen suchen bevorzugt nach stimmigen Informationen und gewichten widersprechende Hinweise schwächer. Dies geschieht auch, um Kernüberzeugungen der eigenen Selbsteinschätzung zu schützen und zu bestätigen, sich selbst so zu verifizieren.
Regulation Bias
Diese Kategorie von kognitiven Verzerrungen entsteht aus dem Motiv, Urteile und Handlungen zu regulieren oder zu stabilisieren, also Unsicherheit, Selbstbild, soziale Akzeptanz oder gewünschte Ergebnisse zu kontrollieren: Approaching pleasure and avoiding pain.
15 Typen kognitiver Verzerrungen in Managementenscheidungen
Die 15 Typen kognitiver Verzerrungen im strategischen Entscheidungsprozess, strukturiert nach Bias Kategorien (Simplification, Verification, Regulation) und Entscheidungsphasen (Information Acquisition, Option Generation, Evaluation & Choice, Planning & Implementation, Review & Feedback) inklusive einiger Beispiele kognitiver Verzerrungen:
Kognitive Verzerrungen in der Managementpraxis
Ergebnisse einer Studie mit 500 C-1 Manager:innen von Forbes-200-Unternehmen zu den am häufigsten beobachteten kognitiven Verzerrungen bei Managementenscheidungen von anderen und von einem selbst, dem daraus abzuleitenden „Blind Spot“ sowie der Einschätzung des (negativen) Einflusses auf Entscheidungen in Unternehmen:
Typische Anfälligkeitsmuster für kognitive Verzerrungen, abhängig vom individuellen Entscheidungstypen:
- rational
- intuitiv
- vermeidend
- abhängig
- spontan
Bias Map
Im Rahmen meiner Forschungstätigkeiten zu kognitiven Verzerrungen habe ich gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Eppler eine Bias Map mit mehr als 190 erforschten kognitiven Verzerrungen erstellt, inklusive einer Einordnung in die 15 Biastypen und kurzen Erläuterung:
Debiasing – oder wie können Managemententscheidungen nachvollziehbarer, rationaler und weniger verzerrt getroffen werden
Debiasing strategischer Managemententscheidungen ist die gezielte Abschwächung oder Korrektur kognitiver Verzerrungen in strategischen Entscheidungsprozessen, damit Entscheidungen unter Unsicherheit fundierter, reflektierter und weniger fehleranfällig getroffen werden und damit auch für alle Beteiligten nachvollziehbarer (und damit erfolgreicher in der Umsetzung) sind. Es geht nicht darum, „menschliche Irrtümer“ vollständig zu eliminieren, sondern darum, typische Denkfehler früh zu erkennen und ihre Wirkung durch geeignete Maßnahmen zu reduzieren.
Kerngedanke
Im strategischen Kontext ist Debiasing besonders wichtig, weil Entscheidungen oft langfristige, schwer umkehrbare und voneinander abhängige Folgen haben. Genau deshalb zielt Debiasing darauf, blinde Flecken, Überoptimismus, Bestätigungsfehler oder Status-quo-Tendenzen zu entschärfen, bevor sie den Kurs eines Unternehmens prägen
Praktische Bedeutung
Praktisch umfasst Debiasing sowohl individuelle Maßnahmen wie Training, Checklisten oder Reflexionsfragen als auch prozessuale und organisationale Maßnahmen wie Devil’s-Advocate-Rollen, Pre-mortem-Analysen, unabhängige Zweitmeinungen oder angepasste Entscheidungsarchitekturen. In diesem Sinn ist Debiasing weniger ein einmaliges Werkzeug als vielmehr ein systematischer Bestandteil guter strategischer Entscheidungsführung.
Funktionierende Techniken und Methoden zur Reduktion des Einflusses kognitiver Verzerrungen bei strategischen Managemententscheidungen sind (strukturiert in 9 Cluster):
Buch Debias by Design
Debias by Design
A Leader’s Guide to Thinking Errors & Better Decision Making
bietet einen systematischen Überblick über die häufigsten und wirkungsvollsten Entscheidungsfehlern im Management. Das Buch zeigt, warum diese Enscheidungsfehler geschehen und wie diesen vorgebeugt bzw. diese vermieden werden können. Debias by Design macht Manager:innen den Einfluss von kognitiven Verzerrungen auf leicht zugängliche, unterhaltsame und gut visualierte Art sichtbar und unterstützt sie darin, diese in eigenen Entscheidungssituationen zu erkennen und anzugehen. Das Buch bietet unter anderem:
- Ein Bias Tutorial
- Eine Typologie von kognitiven Verzerrungen
- Wie die eigenen Biases aufgrund des eigenen Entscheidungsstils erkannt werden können
- Eine Übersicht der typischen Bias Blind Spots
- Eine Studie zur Frage: Was sind die häufigsten und „gefährlichsten“ Biases in Managemententscheidungen
- Debiasing-Ansätze
- Den Decision TUNER Ansatz








